Die fiesen Krizzler
Leseprobe · Digitale Lernwelten
Eine Geschichte über Rechtschreibung
Nick und Lia müssen umziehen, in ein verschlafenes Städtchen ohne Freunde. Dort lernen sie ihren Nachbarn kennen, den Alten, und durch ihn die Krizzler: magische Wesen, die sich in der Rechtschreibung eingenistet haben, um Kinder zu ärgern. Wer richtig schreibt, entlarvt sie. Dann schrumpfen sie mit dem Zischen eines Luftballons zu kleinen, faltigen Wichten zusammen.
- Fach
- Deutsch · Rechtschreibung
- Alter
- 6 bis 12 Jahre · erprobt in Klasse 5 und 6
- Form
- Erzählung mit Rechtschreibphänomenen zum Selbstentdecken
- Umfang
- rund 30 Seiten · 7 Kapitel zu Rechtschreibphänomenen, dazu Vorgeschichte und Schluss
- In dieser Probe
- Auszüge aus Vorgeschichte, Kapitel 1, 2, 4, 5 und Schluss
- Texte
- Chris Liebscher · Digitale Lernwelten GmbH
Titelillustration: Digitale Lernwelten GmbH
Zu dieser Leseprobe
Wir entwickeln multimediale Narrationen, und im Mittelpunkt steht dabei immer der Text. Diese Probe zeigt ihn pur: „Die fiesen Krizzler“ verbindet eine Erzählung mit spielerischer Rechtschreibung. In jedem Kapitel steht ein Krizzler für ein Rechtschreibphänomen und trägt dessen Eigenschaften in Aussehen und Sprechweise. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger: Am Ende unterläuft sogar dem Alten ein Fehler. Aufgaben lassen sich in den Textfluss einbauen, hier steht allein die Geschichte.
Ausgelassene Passagen sind mit […] markiert. Die farbigen Stellen folgen dem Manuskript und heben die Stimmen der Krizzler und die Buchstaben hervor, um die es geht. Die Fehler der Krizzler sind gewollt und gehören zur Geschichte.
Die Kapitel
- 0VorgeschichteNick und Lia ziehen in eine fremde Stadt und entdecken hinter einem morschen Zaun einen verwunschenen Garten.Zum Kapitel ↓
- 1RechtschreibstrategienBeim Hausaufgabenmachen taucht die erste Krizzlerin auf, und die beiden durchschauen sie.Zum Kapitel ↓
- 2Groß- und KleinschreibungZwei streitende Krizzler handeln aus, was künftig großgeschrieben wird.Zum Kapitel ↓
- 3DehnungDehnungs-h, Doppelvokal und ie, verkörpert von einer Yoga-Figur.Nicht in dieser Probe
- 4SchärfungEin Holzhacker-Krizzler reimt kurz und schnell, mit ck, ll, nn und tz.Zum Kapitel ↓
- 5S-LauteEin vornehmes Paar: Sie säuselt stimmhaft, er spricht scharf und stimmlos.Zum Kapitel ↓
- 6Dass oder das?Nicht in dieser Probe
- 7Gleich- oder ähnlich klingende LauteNicht in dieser Probe
- 8SilbentrennungEin hüpfender Wicht schneidet mit seiner riesigen Schere alles sauber auseinander.Nicht in dieser Probe
- 9Der gerahmte FehlerZum Schluss entdecken Nick und Lia einen Fehler, ausgerechnet beim Alten.Zum Kapitel ↓
Vorgeschichte
Vorgeschichte
Die Nachricht, dass sie umziehen sollten, traf Nick und Lia völlig unvorbereitet. Sie waren gerade aus der Schule heimgekommen und freuten sich auf leckere Pfannkuchen. Die gab es jeden Freitag. Das war der schönste Tag der Woche, denn ihre beiden Eltern waren mittags schon zuhause und sie aßen gemeinsam. Nick war zwölf und ging in die sechste Klasse, Lia war zehn und in der fünften. Und gerade heute kamen sie besonders fröhlich nach Hause, denn ihre Klassen waren in den letzten zwei Stunden gemeinsam auf dem schuleigenen Sportplatz gewesen und hatten sich beim Handball hitzige Gefechte geliefert.
Sie hatten sich gerade an den Tisch gesetzt, als ihre Eltern fröhlich verkündeten, dass ihre Bewerbungen endlich erfolgreich gewesen waren und sie schon im nächsten Monat ihre neuen Jobs in einer ganz anderen Stadt anfangen konnten und wie glücklich sie seien und dass Nick und Lia sich doch sicher freuten, denn endlich hätten sie mehr Geld und jeder konnte ein eigenes Zimmer bekommen und das wäre doch alles wahnsinnig aufregend und toll!
Doch die Kinder waren wie erstarrt. Vor ihren Augen begann es zu flimmern und zu wirbeln. Alle Freude über das Handballspiel mit ihren Freunden und das gemeinsame Essen verschwand augenblicklich. Nick sackte in seinem Stuhl, wie von einer Keule getroffen, zusammen und schlug die Hände vors Gesicht.
Lia schrie: „NEIN! DAS KÖNNT IHR NICHT MACHEN! OHNE MICH!“, fegte den Teller vom Tisch, sprang auf und verschwand mit einem lauten Türenknallen im Kinderzimmer. Nach wenigen Augenblicken sprang auch Nick auf, mit Tränen in den Augen. Die Tür knallte noch einmal heftig und die Kinder waren verschwunden.
Alles Bitten, Entschuldigen und Mahnen von Mama und Papa half nichts. Die Geschwister hatten den großen Kleiderschrank vor die Tür geschleift und ließen sich den ganzen Tag nicht mehr blicken. Erst als es bereits dunkel wurde, kamen sie niedergeschlagen und ermattet aus ihrem Zimmer. Für sie war eine Welt zusammengebrochen.
Dann ging alles sehr schnell. In den nächsten Tagen kamen Freunde und Verwandte zum Helfen. Wie in Zeitlupe und ohne dass sie überhaupt richtig verstanden, was um sie herum passierte, packten Nick und Lia ihre Spielsachen, Anziehsachen und Schätze in Kisten, ihre Eltern bauten alle Möbel ab und schon bald war ihre Wohnung leer. Alles Vertraute war verschwunden und davon wurde Nick schwindelig. Sie fuhren lange mit dem Umzugs-LKW. Und als sie alles wieder halbwegs klar sehen konnten, fanden sie sich in einem kleinen, verschlafenen Städtchen wieder, ohne Freunde, ohne Familie und ihre Eltern mussten viel arbeiten. Sie waren allein.
[…]Auslassung
Sie gab Nick ein Zeichen und gemeinsam stiegen sie von den Bäumen herab und liefen zur Grundstücksgrenze. Die Bretter des Gartenzauns waren alt, schon recht modrig und verfault. Lia versuchte, zwei Bretter auseinanderzuschieben, es knackte leise und plötzlich hatte sie die Hölzer lose in der Hand. Fragend schaute sie zu ihrem Bruder, dieser nickte abenteuerlustig, woraufhin Lia die Bretter beiseitelegte und gespannt durch die Lücke im Zaun stieg. Auf der anderen Seite richteten sich die beiden Kinder auf und schauten sich um. Wie bereits von außen zu erkennen, war der Garten wild zugewachsen. Doch wirkte er auf die Kinder nicht zufällig oder gar vernachlässigt. Im Gegenteil: Je länger sie sich umschauten, umso mehr erkannten sie, dass jeder Strauch, jeder Busch am richtigen Platz stand, zum Teil zurechtgeschnitten war und alles, trotz der Wildheit, einen gepflegten, sehr rücksichtsvoll behandelten Eindruck machte. Dabei waren versteckte Ecken geschickt mit Lichterketten verziert, kleine Sitzecken waren eingerichtet und verschiedene, zum Teil exotische Blumen mit großen Blüten ließen die Kinder staunen. Je länger sie im Garten umhergingen, umso mehr besondere Dinge entdeckten sie und sie gewannen den Eindruck, dass vieles hier selbst gebaut war. In der Nähe des Lochs im Gartenzaun, unter einem tiefgrünen Busch, stand eine Rikscha, ein Fahrrad mit Sitzbank, über und über mit Wimpeln behängt. Etwas entfernt in Richtung Straße bemerkten sie zwischen zwei starken Bäumen eine Art Baumhaus mit Liegestühlen hoch oben, darunter war ein Sofa an starken Seilen zum Schaukeln aufgehängt. Als Nick und Lia in die andere Richtung blickten, sah es für sie so aus, als würde das Wasser eines Gartenteichs durch die Blätter und Büsche hindurch glitzern und halb verdeckt schien es, als würde daneben ein altes Karussell mit Holzpferden stehen. Doch bevor sie diese Ecke näher erkunden konnten, hörten sie, wie am Haus die Hintertür aufging.
Nick und Lia hielten erschrocken inne. Aus der Tür trat ein älterer Herr mit einer Gartenschere in der Hand und drehte ihnen den Rücken zu …
[…]Auslassung
Kapitel 1
Rechtschreibstrategien
die Krizzlerin
So verging einige Zeit und Nick und Lia gewöhnten sich allmählich an ihr neues Zuhause. Ihre Eltern waren nach wie vor viel arbeiten und kamen erst gegen Abend nach Hause. Die Kinder hatten in ihrem Nachbarn einen freundlichen, älteren Herrn kennengelernt, der in seiner Werkstatt an den verschiedensten Dingen herumbastelte. Sie liebten seinen verwunschenen Garten, in dem die wunderlichsten Sachen herumlagen und es immer wieder etwas Neues zu entdecken gab. Während ihrer Anfangszeit in der neuen Schule ergab es sich, dass die Kinder am Nachmittag gern zu ihm hinübergingen. Schließlich machten sie sogar ihre Hausaufgaben in seiner Werkstatt, während er an einem seiner Projekte schraubte, feilte oder plante und bemerkten, dass er komplizierte Aufgaben wunderbar leicht erklären konnte. Je besser sie sich kennenlernten, umso mehr mochten sie sich. Das Besondere an dem Alten war, dass er Nick und Lia das Gefühl gab, immer willkommen zu sein. So ruhig und gütig, wie er mit ihnen sprach, kannten sie es von keinem anderen Menschen und sie konnten sich nicht vorstellen, dass er auch nur ein einziges gemeines Wort sagen könnte. Er wiederum schätzte die Anwesenheit der Kinder, denn er war oft allein; mit sich und der Welt zwar absolut im Reinen, doch brachten die Kinder eine Lebendigkeit in seinen Garten, die er gern sah.
So saßen die beiden Kinder an einem schönen Tag wieder einmal bei ihm im Garten an einem kleinen Tischchen neben der Werkstatt unter einem wunderschönen Haselstrauch, der über ihnen ein gewölbeartiges Dach bildete. Nick und Lia hatten ihre Deutschhefte bereits geöffnet und gerade als der Alte ihnen zwei Gläser Wasser brachte, begann Nick zu schimpfen: „Mann, das nervt vielleicht! Das hab ich noch nie kapiert! Wird das jetzt mit ‚z‘ oder ‚tz‘ geschrieben? Ich weiß auch gerade kein verwandtes Wort, von dem ich’s mir herleiten könnte. Und kommt da hinten ein ‚g‘ oder ein ‚k‘?“ Lia ließ sich das Wort ins Ohr flüstern und musste grinsen. „Zumindest weiß ich, dass es großgeschrieben wird. Es ist doch ein Nomen und ich kann den Artikel ‚die‘ davorsetzen. Außerdem kann ich mehrere davon essen.“ „Stimmt“, antwortete Nick. „Und ‚z‘ oder ‚tz‘?“ Das wusste Lia auch nicht so genau, doch sie antwortete: „Das Wort schauen wir einfach nach, ich hab mein Wörterbuch dabei. Oder kannst du uns nicht einen Rechtschreibtipp geben?“
Der Alte hatte sich bisher schmunzelnd zurückgehalten. Auf Lias Frage antwortete er fröhlich: „Oh, zur Rechtschreibung kann ich euch viel erzählen. Das ist ein Gebiet, dem ich mich schon sehr lange besonders widme. Doch vorher … muss ich aufs Klo. Bin gleich zurück.“ Und schon war er im Haus verschwunden. Die Kinder kicherten. „Ach, was soll’s“, schmunzelte Nick. „Bis du das Wort rausgesucht hast, schreib ich’s jetzt einfach irgendwie.“ Und er kritzelte das Wort in sein Heft.
Unvermittelt ertönte in ihrer Nähe eine hässliche, schrille Stimme, die die beiden Kinder zusammenzucken ließ: „Was seit ihr tenn für lästike Pälker!“ Eine sonderbare Gestalt war neben dem Haus aufgetaucht und kam mit hochmütigem Schlendern auf Nick und Lia zu. Sie sah aus wie eine alte Frau und war in einen zerzausten Pelz gehüllt. Auf dem Kopf saß ein furchtbarer, blass-pinker Hut mit vertrockneten Blumen und sie hatte eine seltsam und unangenehm harte Aussprache, als sie die Kinder anredete: „Bäh, Kinter, ikitt, ich verapscheue Kinter. Was tun sie ta kerate?“
Völlig verblüfft und überrumpelt stotterte Nick: „Re-Rechtschreibung.“ „Aaaaah!“, krächzte die Figur laut auf, sodass Nick und Lia erneut zusammenzuckten und ihnen die Haare zu Berge standen. „Ooooh, mein Spezialkepiet! Ich kann alles! Ich weiß alles! Um welches Wort keht es?“ Nick antwortete zögernd: „Gewürzgurke.“ „Ooooh!“, krächzte sie wieder. „Tas ist leicht, so furchtpar leicht! Was seit ihr toch tumm! ‚Kewürtzkurke‘ – Vorne, hinten und in der Mitte ein ‚k‘ und natürlich mit ‚tz‘. ‚Kewürtzkurke‘ – Schreipt es, wie ich kesakt hape. Keine Witerrete. Tenn wenn man von so wichtiker Apstammung ist, wie ich, …“
Die Gestalt wendete sich ab und schwadronierte weiter. Sie schien zu denken, die ganze Welt höre ihr zu. Dabei achtete sie gar nicht mehr auf die Kinder. „Die ist ja unerträglich“, flüsterte Nick Lia zu. Diese nickte, blätterte in ihrem Wörterbuch und verharrte kurz. Dann antwortete sie: „Ja, und sie hat Unrecht, schau hier, ‚Gewürzgurke‘ wird ganz anders geschrieben. Die spinnt doch. Mir ist sofort aufgefallen, dass sie so komisch und undeutlich spricht.“
Schnell strich Nick sein falsch geschriebenes Wort durch und schrieb richtig „Gewürzgurke“ daneben. Kaum dass er fertig war und kampfeslustig zu der Kreatur blickte, ertönte von dieser ein lautes Zischen und Furzen, wie von einem davonflitzenden, quietschenden Luftballon. Gleichzeitig schrumpfte das Wesen zusammen, wurde immer kleiner und kleiner, bis nur noch eine zusammengefallene, verschrumpelte Kreatur übrig blieb, die schockiert aussah, sich schnell umdrehte und um die Hausecke davonjagte. Erschrocken starrten ihr Nick und Lia hinterher. Was war hier gerade geschehen?
Vom Haus her hörten sie ein zufriedenes Glucksen und dann die Stimme des Alten: „Alle Achtung! Ihr wisst ja schon besser Bescheid, als ich dachte. Dem habt ihr’s aber gegeben!“ Verwirrt schauten Nick und Lia den Alten an, der lässig im Türrahmen lehnte. Sie kapierten überhaupt nichts. Er bemerkte ihre fragenden Gesichter sofort und klärte sie auf: „Das, ihr zwei, war ein fieser Krizzler.“
[…]Auslassung
Kapitel 2
Groß- und Kleinschreibung
der Kleine: alles kleinder Große: ALLES GROSS
Nick und Lia waren wieder einmal bei dem Alten. Nachdem Lia eine Weile auf dem Hängesofa geschaukelt hatte und Nick versucht hatte, auf verschiedenen Wegen vom Loch im Zaun bis zum Sofa zu kommen, ohne den Boden zu berühren, schlug Lia vor, dass sie sich doch einen Krizzler im Buch anschauen könnten. Nick war sofort einverstanden und holte das Büchlein aus der Schublade. Der Alte war gerade unterwegs, doch die Hintertür war immer unabgeschlossen. Außerdem schenkte er den beiden Kindern sein volles Vertrauen, sodass sie hingehen durften, wohin sie wollten.
Sie setzten sich nebeneinander auf das Hängesofa und suchten sich eine Seite aus. Bisher hatten sie sich nur die Rechtschreibregeln im Buch durchgelesen und ein wenig darin umherblättern können. Für mehr war noch keine Zeit gewesen. Dass sich die Bilder bewegten und sie wie durch einen kleinen Bildschirm die Szenerie betrachten konnten, war für sie am Anfang zauberhaft unglaublich gewesen und ließ ihre Herzen auch jetzt wieder schneller schlagen. Der Alte hatte ihnen erklärt, dass man, wenn man sich für eine Seite entschieden hat, sogar in das Bild eintaucht und das wollten die beiden Kinder heute zum ersten Mal ausprobieren. Sie näherten ihre Gesichter der ausgewählten Seite und tatsächlich war es ihnen, als fielen sie in einem Wirbel aus Farben in das Bild hinein. Das dauerte jedoch nur kurz und schon standen die beiden wieder auf ihren Füßen neben zwei Krizzlern, die von den Besuchern natürlich nichts mitbekamen und sich gerade heftig stritten.
„jetzt schrei doch nicht so!“, flüsterte der Kleinere der beiden. Er sah aus wie ein kleines, flinkes Tier, hatte eine lange Zottelmähne auf dem Kopf und hängende Ohren, die er sich gerade fest zuhielt. „DU HAST MIR GAR NICHTS ZU SAGEN. ICH REDE SO, WIE ICH WILL!“, erwiderte der andere. Er war viel größer und in einen dunklen Mantel gehüllt. Darin waren viele Taschen, welche mit irgendwelchen Dingen vollgestopft waren, sodass sich das Kleidungsstück bei jedem Schritt, den der Krizzler machte, wölbte und ihm immer wieder eine andere Form gab. Mal legte er sich eng um die Gestalt, mal bildete er einen dicken Bauch.
„aber wenn wir uns nicht einigen, können wir die menschen nie ärgern, weil wir den streit immer selber austragen. jeder von uns alleine hat zu wenig kraft, um verwirrung zu stiften.“ Der Kleine verschränkte die Arme und drehte sich mit dem Rücken zu dem anderen. „NA GUT, DU MAGST RECHT HABEN. WAS SCHLÄGST DU VOR?“, fragte der Große. „naja“, antwortete der Kleine verschmitzt, „ein bisschen von dir und ein bisschen von mir und keiner kennt sich mehr aus“.
Er lächelte hinterhältig und hüpfte einen Schritt auf den Großen zu, welcher kurz überlegte und dann antwortete: „MeInSt Du sO eTwAs? dAs WäRe EtWaS voN diR uND eTwAs vOn MiR.“ „ja, schON GAnz gUT“, flötete der Kleine und schlängelte sich wie eine Katze um die Beine des Großen. „aBer nOCh Zu zUfäLLiG. da kAnN ja wiEDeR jeDEr maCHeN, waS eR wiLl unD kEiNeN stÖrt’S.“
Er überlegte. Dabei wuselte er im Zimmer umher, kroch unter dem Tisch hindurch, ließ die Hände gedankenverloren über die Gegenstände gleiten, schaute hoch zur Lampe und betrachtete die große Uhr. Auch tippte er sich beim Nachdenken immer wieder auf seine spitze Nase. „ich habs!“, rief er endlich begeistert aus. „nur alles, was man anfassen kann, schreiben wir groß, alle Dinge und Lebewesen! Stuhl, Tisch, Uhr, Mantel, Wand, Vogel, Bär!“ Er deutete auf einen großen ausgestopften Bären, der mit aufgerissenem Rachen in einer Ecke des Zimmers stand.
„in Ordnung“, stimmte der Große zu. „und unsere Namen. weil dich und mich kann ich ja auch anfassen.“ „ja, von mir aus, aber was hast du davor gerade gesagt?“, horchte der Kleine auf. „Ordnung? ja, gute Idee. nicht nur Dinge, sondern alle Nomen schreiben wir groß, das kriegt keiner hin.“
Er lachte diebisch. Der Große kam nicht ganz mit. „was sind Nomen?“, fragte er ein wenig langsam. „na das ist doch ganz einfach“, gab der Kleine etwas ungeduldig zurück. „alle Worte, die ein ‚der, die, oder das‘ davor haben. und solche Worte, die auf ‚-ung, -keit, -heit, -schaft‘ und so was enden.“ Er schaute zufrieden. „das verstehe ich nicht“, gab der Große zu. „ausgezeichnet“, freute sich der Kleine. „hey, aber ich finde das immer noch ein bisschen unfair“, maulte der Große. „da schreiben wir immer noch so viel klein. wo kann ich denn da noch wen ärgern?“
Zutraulich hüpfte der Kleine dem Großen in die Arme. „Ach weißt du“, flüsterte er beinahe zärtlich. „Wenn wir jemanden ärgern, darfst du einfach immer anfangen. Als Erster. Was hältst du davon?“ „Einverstanden!“, freute sich der Große. „Denn der Erste ist immer der Größte.“ Damit verließen die beiden Krizzler zufrieden mit sich ihr Heim und Nick und Lia schlugen das Buch wieder zu.
[…]Auslassung
Kapitel 3
Dehnung
Nicht in dieser ProbeDehnungs-h, Doppelvokal und ie, verkörpert von einer Yoga-Figur.
Kapitel 4
Schärfung
die Schärfung: ck, ll, nn, tz, zz
Nick und Lia kletterten in ihrer Baumfestung hinterm Haus herum. Inzwischen hatten sie sich mit Seilen und Holzbrettern mehrere Brücken in die Äste gebaut. Jeder hatte sich auch in seinem eigenen Baum verschiedene Sitzplätze gezimmert. Gerade waren sie dabei, sich theatralisch mit kleinen Nüssen zu bewerfen, als sie den Alten im Nachbargarten mit Geschirr klappern hörten. Sie warfen sich einen kurzen Blick zu, nickten, sprangen von ihren Bäumen und krochen geschwind durch das Loch im Bretterzaun. Der Alte konnte herrliche Apfelkuchen backen und hatte in weiser Voraussicht schon drei Teller auf eine Picknickdecke hinterm Haus gestellt. Dazu goss er sich und den Kindern dicken Kakao in die Tassen. Nick und Lia lief das Wasser im Mund zusammen und sie setzten sich. Unter fröhlichem Geplauder schrumpfte der Kuchen schnell zusammen. Vollgefuttert ließen sie sich schließlich nach hinten ins weiche Gras fallen und blickten hinauf zum Himmel. Irgendwann stand Lia auf und kam mit dem Buch über die Krizzler zurück. Der Alte lächelte kurz, schloss die Augen und genoss die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht, während Lia und Nick in die Welt eines neuen Krizzlers eintauchten.
Lia zuckte erschrocken zusammen, denn kaum hatten sich die Kinder in das Umfeld des Krizzlers begeben, holte dieser mit einem Hackebeil aus und schlug auf einen dicken Holzklotz knapp neben ihr, dass die Holzsplitter nur so spritzten. Plötzlich erleichtert, blickte Lia Nick an, welcher ein Lachen kaum unterdrücken konnte. Lia hatte sich erst jetzt an die Magie erinnert, welche verursachte, dass die Kinder das Gefühl hatten, in das Buch hineingesaugt zu werden, so dass sich alles sehr echt anfühlte. Der Krizzler konnte sie natürlich nicht sehen und ihnen auch nichts zu Leide tun. Nach diesem kurzen Schreck begannen die Kinder, sich die axtschwingende Gestalt genauer anzuschauen.
Sie, oder besser gesagt er, war mit einem Militärhemd und einer Militärhose mit Tarnmuster bekleidet. Die Hose war an den Knien kurz abgeschnitten, sodass die nackten Unterschenkel zu sehen waren. Er war stämmig gebaut und wirkte sehr kräftig. Im Gesicht hatte er kurze Bartstoppeln und eine dicke Knollennase. Seine Haare waren kurz geschnitten und hell und sahen aus wie die Borsten einer Nagelbürste. Jetzt hörten die Kinder, dass er mit einer rauen Stimme kurze Reime aneinanderreihte und ein Lied zu brummeln schien: „Mich abplacken, Stämme hacken, Äste knacken, Kekse backen“ – er hielt plötzlich inne und grinste breit, dann schlug er die Axt heftig in den Hackstock, drehte sich um, rannte auf sein Haus zu und rief übermütig mit lauter Stimme aus: „Und ich muss jetzt –“
Mit einem lauten Knall rumste die Tür hinter ihm ins Schloss. Lachend ergänzten Nick und Lia das nicht mehr gehörte Reimwort und bald darauf ertönte die Klospülung.
Pfeifend und sehr zufrieden grinsend stolzierte der Krizzler kurz darauf wieder nach draußen und setzte sich auf einen Hocker. Nun schien er nachzudenken, das Kinn auf die Hand gestützt. Anscheinend war das nicht seine leichteste Übung, denn er runzelte heftig die Stirn. Dann musste ihm ein Einfall gekommen sein. Langsam begann er wieder, Worte aneinanderzureihen. Dabei schlug er bei jedem Wort mit der Handkante der einen Hand in die Handfläche der anderen, als würde er wieder Holz hacken: „Teller, schneller, heller, ja ok, Holzfäller, schön! Fehler, nein. Hm. Was noch? Wanne, Kanne, Pfanne, ja, Sahne.“ Er stutzte. „Quatsch, das ist ja gar nicht schön kurz und schnell.“
Noch einmal fing er an: „Sitzen, ritzen, kitzeln – nee, falsch, oder doch? Ähm, ach, keine Ahnung. Na ja, noch mal. Sitzen, ritzen, schwitzen, …, Pizzaaaaa.“ Sein Gesicht verzog sich zu einem entzückten, sehnsüchtigen Lächeln. Wieder sprang er auf und ins Haus – die Tür knallte erneut. Nick schaute Lia an. Sie glaubten, verstanden zu haben, wo dieser Krizzler für Unordnung sorgen wollte, und kehrten zu dem Alten zurück.
[…]Auslassung
Kapitel 5
S-Laute
er: scharf und stimmlossie: sanft und stimmhaftder Diener
Nick und Lia saßen wieder einmal in der Werkstatt des Alten. Lia fläzte sich gemütlich im Schaukelstuhl, während Nick noch ratlos über einem Lückentext für Deutsch saß. Der Alte nähte gerade einen Knopf wieder an. Da unterbrach Nick die friedliche Stille und schimpfte los: „So ein Käse! Das klingt doch jedes Mal gleich. Warum gibt es überhaupt zwei unterschiedliche ‚s‘-Laute?“ Der Alte, der schon wusste, worum es ging, pflichtete Nick bei: „In manchen Regionen Deutschlands wird der ‚s‘-Laut tatsächlich immer gleich ausgesprochen. Hier findet man den Unterschied nur in der geschriebenen Sprache. Das kann manchmal ganz schön verwirrend sein.“
Auch Lia meldete sich zu Wort: „Das stimmt, aber wir hier sprechen die ‚s‘-Laute unterschiedlich aus. Wenn du die gesuchten Worte für deinen Lückentext laut aussprichst, kommst du bestimmt auf die richtige Lösung.“ „Ja, vielleicht hast du recht“, gab Nick zu, „aber wenn ich die selber ausspreche, weiß ich ja immer noch nicht, ob stimmhaft oder stimmlos richtig ist. Ich müsste den Unterschied mal eindeutig hören.“
„Dann“, sagte der Alte und stand auf, „ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, die beiden Gestalten zu besuchen, die dafür verantwortlich sind, dass unsere Sprache an dieser Stelle etwas komplizierter geworden ist.“ Er holte das Buch über die Krizzler. „Bei denen hörst du den Unterschied sicher heraus.“ Nick nahm dem Alten das Buch mit der aufgeschlagenen Seite aus der Hand. Gemeinsam mit Lia neigte er sich dem Bild entgegen und in einem Wirbel aus Farben verschwand die Werkstatt um sie herum.
Sie fanden sich in einem nobel ausgestatteten Zimmer mit dicken Steinwänden wieder, möglicherweise waren sie in einer Art Schloss gelandet. In dem Raum bewegten sich zwei ihrem Aussehen nach sehr unterschiedliche Gestalten. Die äußere Erscheinung des männlichen Krizzlers musste als absolut herausragend bezeichnet werden. Jedoch nicht in Bezug auf seine Körpergröße, sondern hinsichtlich der Maße seines Umfangs, denn er war eher rund als hochgewachsen. Sein massiger Bauch wölbte sich unter einer weißen Weste, die nur von einem äußerst kräftigen Reißverschluss geschlossen gehalten werden konnte. Über dem Oberkörper schien kein Hals vorhanden zu sein, sodass es aussah, als säße der breite Kopf direkt auf den Schultern. Über der Weste trug er einen edlen, schwarzen Frack, seine Füße steckten in schicken, ebenfalls weißen Stiefeln.
Er schien den Raum eben erst betreten zu haben, denn gerade sprach er seine Partnerin an. Als er zu sprechen begann, bemerkten Nick und Lia, dass er eine sehr scharfe, gepresste Aussprache hatte, was besonders beim „s“ auffiel: „Grüß dich, mein süßes Zuckerfüßchen“, schnarrte er, „du siehst großartig aus! Bist du bereit? Ich kann es kaum erwarten und möchte gerne zügig los. Ich freue mich schon maßlos darauf, endlich wieder die heißen Klöße mit Soße zu essen. Es sind die besten weit und breit. Sie sind schlichtweg kolossal.“ Er bot ihr seinen Arm an.
Seine Frau war sehr schlank und in ein elegantes Kleid gehüllt, doch gab ihr dessen Form und die Verwendung von schwarzem und gelbem Stoff das Aussehen einer großen Biene. Ähnlich summend war auch ihre stimmhafte, melodische Aussprache, als sie sanft antwortete: „Ach, mein weiser Sumsebär. Ich bin bereit. Wir können unsere Reise beginnen. Alle Besitzer der umliegenden Anwesen sind geladen, da dürfen wir nicht fehlen. Ich freue mich schon sehr auf die erlesene Gesellschaft. Und um ehrlich zu sein, besonders auf den sahnigen Käse, der als Vorspeise gereicht wird.“ Sie hakte sich in seinen Arm ein.


Da erschien ein Diener in der Tür und sagte mit einer Stimme, die klang, als hätte er einen schweren Schnupfen: „Esch ischt allesch bereit, werte Herrschaften! Die Kutsche schteht schon vor dem Hausch auf der Schtrasche und die Pferde schind schon ganz heisch. Schie schollten nun schtarten, schonscht kommen Schie noch zu schpät. Laschen Schie mich Ihnen Ihre Reischemäntel bringen.“ Vornehm stolzierten die beiden auf den Diener zu und mit ihm aus dem Zimmer und Nick und Lia, die allein zurückblieben, traten ebenfalls ihre Rückreise an.
[…]Auslassung
Kapitel 6
Dass oder das?
Nicht in dieser Probe
Kapitel 7
Gleich- oder ähnlich klingende Laute
Nicht in dieser Probe
Kapitel 8
Silbentrennung
Nicht in dieser ProbeEin hüpfender Wicht schneidet mit seiner riesigen Schere alles sauber auseinander.
Schluss
Der gerahmte Fehler
Nick und Lia waren wieder mal beim Alten. Sie hatten sich mit dem Buch über die Krizzler auf das Hängesofa im Garten gesetzt und blätterten die einzelnen Seiten durch. Schließlich klappten sie das Buch zu und sahen sich an. Die letzte Zeit war sehr spannend gewesen. Nie hätten sie gedacht, mal mit echt magischen Wesen zu tun zu kriegen. Zum Glück hatten sie mit dem Buch ein sehr nützliches Werkzeug erhalten, um die Wirrungen der Krizzler zu entdecken.
Nachdenklich gingen sie in die Werkstatt und zu der kleinen Nische mit den kalligrafischen Zeichnungen. Sie legten das Buch zurück an seinen Platz und betrachteten gedankenverloren die neuesten Kunstwerke des Alten, die etwas durcheinander auf der Arbeitsfläche lagen. „Nick“, staunte Lia plötzlich. „Lies mal das hier, das ist doch falsch geschrieben. Oder irre ich mich?“ Sie hob ein besonders schön verziertes Blatt in die Höhe. Nick überlegte einen Moment. Dann bestätigte er: „Ja, da fehlt doch ein ‚L‘.“
Auf dem Papier sollte wohl „makellos“ stehen, doch hieß es in Wirklichkeit „makelos“.
Lia lief schnell nach draußen und kam nur Sekunden später mit dem Alten zurück. Entgeistert zeigten sie ihm den Fehler in seinem schönen Kunstwerk. Verblüfft hielt er inne und betrachtete das Blatt. „Tatsächlich“, murmelte er leise. Einen Moment schien es so, als wüsste er nicht, was zu tun wäre. Doch dann ging es wie ein Sonnenstrahl über sein Gesicht und er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er blickte ihnen fest in die Augen und tönte laut:
Jedem Fehler die Aufmerksamkeit, die er braucht!
Und jedem, der ihn tut, die Wertschätzung, die er verdient!
Der Alte nahm einen Hammer von seiner Werkbank und nagelte das Bild mit zwei kräftigen Schlägen an die Wand – genau in der Mitte seiner Werkstatt. „Wir alle machen Fehler! Und das ist okay“, fügte er hinzu und irgendwo, weit entfernt, klang es wie ein davonzischender Luftballon.